Abschied von Ouma Tietie

Sie war das Familienoberhaupt schlechthin, eine starke Frau mit den Fähigkeiten einer Sangoma, vom Stamme der Xhosas, geboren am 30. Janauar 1944. Vor ein paar Jahren begannen die Schmerzen, sie konnte dagegen nicht angehen. Sie teilte das Schicksal vieler älterer Frauen, die ihr leben lang für die Familie geschuftet haben.

Die Mama von Silvia und Aneline, mit bürgerlichem Namen Vytjie September, immer genannt und bekannt in weiten Kreisen als Ouma Tietie, erlag am 09. July 2018 einem Herzinfarkt, im Alter von 74 Jahren. Die Verabschiedung und Beerdigung fand am 21. July 2018 statt. ÄÖÜ  äöü

An einem Monsteranlass, zu dem sich diese Beerdigung entwickelte, kommen einige Kulturen zusammen! Die Verwandschaft besteht aus mehreren Fraktionen, Schwarze (Xhosa, Sutu), Coloureds und ich als einziger Weisser und erst noch Europäer(!). Zudem sind es die Septembers und die Oliphants, die sich mal wieder treffen. Ouma Tietie stammt ursprünglich aus Touws Rivier, am Rande der Karoo. Ein anderer Zweig siedelt in Montagu, andere etwas näher in der Umgegend von Kapstadt. Ausländer war ich nicht der Einzige, in der Familie integriert oder im engeren Freundeskreis gibt es Nigerianer und Kongolesen. Dieses Völkergemisch, das bei Ouma Tietie ein und aus ging, brachte ihr auch den Titel "Mutter aller Nationen" ein (was von ausserhalb, nicht aber von der Familie so kommuniziert wurde).

Am Vorabend wurde noch ein Schaf geschlachtet. Die Vorbereitung des Feuers und die Zubereitung des Fleisches - Teilung in Portionen - zog sich lange in die Nacht, ja bis in den Morgen hin. Die engere Familie hockte ums Feuer und liess ebensolches Wasser und Wein zirkulieren. Vor dem Sonnenaufgang dann, löste sich die Gruppe auf, um sich auf den Tag vorzubereiten.

Die lange Vorbereitungszeit zwischen Todestag und Bestattung, war einesteils infolge der Ueberlastung der Begräbnis-stätte und der Benachrichtigung der weit verstreuten Verwandschaft geschuldet. Andererseits brauchte das alles viel Detailarbeit, die von Silvia und ihrer Tochter Debbie erledigt wurde!

Wie es die Tradition will, wurde der Leichnam sehr früh schon angeliefert und im Haus aufgestellt. Für die Familie Gelegenheit ein erstes Mal Abschied zu nehmen. Ebenfalls will es die Tradition, dass man sich drei Mal verabschiedet: Am Haus, in der Kirche und am Grab.

Am frühen Morgen also - Auftakt war gegen 8Uhr - versammelte man sich am Haus von Ouma. Eine aus Tows Rivier angereiste Brass Band stimmte die Awesenden mit ein paar langsamen Melodien auf den Tag ein. Die Mitglieder stehen alle der Familie nahe.

Eine weitere Tradition ist, dass man am Haus ein Zelt aufstellt, worin der erste Gottesdienst und später dann die Verköstigung der Gäste statt finden. Man hatte jedoch bald keinen Platz mehr im Zelt, die Leute begaben sich ins Freie. Nachdem sich der Morgennebel verzogen hatte, zeichnete sich ein glasklarer Himmel ab. Es war angenehm warm.

Die eröffnung der Gebete machte Pastor Niel Plaatjies. Als Leader Pastor fungierte Pastor Johannes Van Der Westhuizen, dann war da noch Pastor Peter Plaatjies. Den Ablauf dirigierte Prediger Steven September aus Tows Rivier, einer aus der Familie also.

Nach Abschluss der ersten Runde wurden die Gäste mit Privatautos, zwei kleinen und einem grossen Bus, zum Kirchensaal gefahren. Die Gesellschaft, die Ouma Tietie die letzte Ehre erweisen wollte war inzwischen zur Unübersichtlichkeit angewachsen! Der Sarg wurde aufgestellt und männiglich konnte so am offenen Kopfteil von Ouma Abschied nehmen. Der Saal wurde proppenvoll! Es gab gar noch zuwenig Sitzgelegenheiten für alle! Ich schätzte die Menge auf 250 Köpfe.

Nach ein paar persönlichen Vorträgen und einer flammenden Predigt durch Johannes Van Der Westhuizen (ich empfand es als Geschrei), unterbrochen bzw. "untermalt" von vielen Zwischenrufen, Bestätigungen, Amens und Halelujas, kamen noch mals die Fanfaren der Brassband zum Einsatz. Ein paar Lieder wurden durchgesungen und - man staune - durch Chorgesang höchster Güte (!) vorgetragen. Es muss da ein paar Talente drunter gehabt haben...

Es wurde mittlerweile Mittag. Doch erst musste das weitere "Pflichtprogramm" absolviert werden, bevor man was in den Magen bekam. Es war allgemein eine Spannung vorhanden und Gedanken an Essen wurden dadurch verdrängt. Die Fahrt zum Begräbnisplatz war relativ kurz. Der grosse Gottesacker war sehr stark besucht, es verliessen schon einige Gesellschaften den Platz. Ein kurzer Ueberblick ergab etwa 25 Begräbnisse, die gleichzeitig im Gange waren. Unser Pulk war einer der grösseren Gruppen, man musste noch ein paar Minuten warten um zum Grab duch zu kommen. 

Sie waren schon früh aufgefallen, die Mädchen und Frauen in ihren traditionellen Kleidern. Erst hatte ich keine Ahnung von wo die gekommen sind, jedenfalls war es ein schöner Farbtupfer! Es waren Angehörige der Sutu, wie sich später herausstellte.

Die Brassband stellte sich auf, die Zeit bis zur Ankunft des Sarges zu überbrücken. Bei Rythmus und Musik, können sich  insbesondere die  Schwarzen  nicht  zurück  halten. Einige Maedchen,  Frauen,  auch  Männer verfielen  in  einen spontanen Tanz! Dazwischen eine nachdenkliche Jnge.

Der Tross bewegte sich allmählich zum offenen Grab. Der Sarg wurde aufgesetzt und unter Beschwörungen ind Litaneien durch den Pastor (wie soll ich das anders beschreiben?), in die Tiefe abgelassen. Nach dem Entfernen der Senkvorrichtung, trat man zur Tat und jedem jungen Mann war es eine Ehre, das Grab zuschaufeln zu helfen. Man wechselte sich ab und hielt nicht ein, bevor das Grab vollständig auf gefüllt war. Den Rest erledigen die Offiziellen.

Nach der Erkenntnis, dass der Platz und die "Halle" vor Ouma's Haus viel zu klein war für die Anzahl der Gäste, verlegte man das nachfolgende Essen in die Halle, wo schon die Predigt stattgefunden hatte. Dort wurden rund 200 Mäuler verköstigt, davon etwa vierzig Kinder, die hier auf dem Bild rechts für das Dessert anstehen.

Der Ausklang für die engere Familie war dann beim Haus, wo man sich unterhielt und Bekanntschaften schloss, Wiedererkennungen erlebte und sich spontan ein engeres Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelte. Komisch eigent-lich, dass es immer einen traurigen Anlass braucht, um sich aufeinander zu besinnen.

One lady that touched many hearts. There is and never will be a Lady, a Ouma, a Mother, a Auntie, like her, mother of the homeless abused children, her heart was allways open to give, to love, and care for all. We love you Vytjie September "Ouma Tietie".

21. July 2018/ Hans B. Schweizer. Alle Bilder geknipst mit dem Samsung Galaxy J1 mini prime.