Freie Texte

Freundschaft

Eigentlich wollten wir uns schon lange wieder einmal sehen. Aber wie das Leben so spielt, gab es immer wieder prioritäre Anlässe, die dies zu verhindern mochten. Zudem spielte, wie so oft, die grosse Distanz zwischen den Wohnorten, damals noch in der Schweiz, eine bestimmende Rolle. Sie steht mitten im Erwerbsleben, hat beschränkte Urlaubsmöglichkeiten. Ich versuchte, wir versuchten, uns wenn immer möglich zu sehen, wenn ich mich mal wieder in Europa aufhielt für ein paar Wochen. Die Versuche scheiterten oft kläglich, wenn sich wieder einmal Zwänge auf taten. So war ich oft auf Warteposition, während sie aus beruflichen Gründen in Beschlag genommen wurde. Infolge Terminkollisionen konnte auch mal ein endlich zu glücken scheinender Termin einfach vergessen werden. Mich vergessen ! Shame… Aber es kam eben vor, dass wir tatsächlich zueinander fanden. So war es auch an jenem Abend, der eigentlich schon am späteren Nachmittag beginnen sollte.

Wintereinbruch über Nacht. Das ergab einen dieser bereits angedeuteten Zwänge. Sie liess sich per Bahn zum Arbeitsort fahren, verzichtete aus Sicherheitsgründen auf die Benutzung ihres eigenen fahrbaren Untersatzes – wobei ich nichts gegen ihren kleinen, bereits etwas betagten Kleinwagen sagen will. Er tat immerhin seinen Dienst recht zuverlässig, war also brauchbar. Sie hatte beschlossen, ihr Büro bereits am Mittag zu verlassen; es war Freitag und ihr Stundenkonto zeigte einen grossen Überhang zu ihren Gunsten. Gesagt getan, sie konnte sich losreissen, fuhr an ihren Wohnort. Im Zug hat man Zeit, viel Zeit, um über allerlei Dinge nachzudenken. So kam ihr unterwegs die Idee, mit ihrem Pferd nochmals zur Schmiede zu reiten, um die Stollen an die Eisen montieren zu lassen. Es war auch notwendig, denn das Pferd hatte so seine Mühe, auf dem gefrorenen Untergrund sicheren Halt zu finden. Der Zeitaufwand für die beiden Ritte hin und zurück war enorm, auch musste man für den Hufschmied etwas Zeit einräumen. Das Resultat war dann, dass ich recht spät einzutreffen hatte. Auch ich bequemte mich die Bahn zu bemühen, also musste ich am Bahnhof bitte, ja sicher, abgeholt werden. Sie schaffte es tatsächlich, zeitig da zu sein. In voller Stallmontur, mit der entsprechenden Ausdünstung.

Es war kalt, klirrend kalt. Die Bise pfiff zwar nur lau, aber es drückte einem die Kälte so richtig zwischen die Nähte und Haare. Brrrr….. Es war eigentlich vorgesehen, einen kleinen lokalen Weihnachtsmarkt zu besuchen. Ich hatte mich auf die Kälte eingerichtet und entsprechend eingekleidet.

Der Hunger meldete sich langsam, der Abend war schon recht fortgeschritten. Sie verschwand ins Badezimmer um den Tagesschmutz abzustreifen. Danach wurde von ihr beschlossen, nicht mehr auszugehen, sondern selber was zum Abendessen zuzubereiten. Wir hatten beide Hunger. Die Unterhaltung war sehr angeregt, das Essen schmeckte.

Die Zeit verging, afrikanische Klänge von einer CD rieselten in den Raum. Wir hatten uns viel zu erzählen. Kein Wunder, waren schon wieder einige Monate vergangen seit dem letzten Zusammentreffen. Aus Rücksicht darauf, dass sie am anderen Morgen zeitig ins Wochenende abreisen wollte, verzichteten wir auf den Konsum von Alkohol, tranken Rooibos Tee. Die Zeit schien zu rasen, bald war der Zeitpunkt für meinen Aufbruch erreicht – doch es gab ja noch einen späteren Zug, dachten wir laut nach. Ok, dann noch eine Gnadenfrist ausgekostet, noch mehr gequatscht, beredet, mitgeteilt. So erfuhr ich, dass ihr Urlaub im Januar oder Februar schon mal gestrichen sei, dieser zum April oder Mai hinausgezögert werden müsse. Arme Welt, der Mensch kommt einfach zu kurz bei der Arbeit. Sie wollte zu mir nach Südafrika fliegen. Naja, ICH bin flexibel!

Letzte Version (redaktionelle Aenderungen) vom 16.03.2011

Badewetter?

 

Vorgesehen war etwas ganz anderes, der Tag sollte klar strukturiert sein. Das war er zu Beginn auch, jedoch es kam dann wie es kommen musste.

Schon am Vortag machte der Wind alles Vorgenommene zunichte. Da setzte ein kleiner Sturm schon am späten Vormittag ein, steigerte sich bis zum späten Abend, um dann unvermittelt abzubrechen.

Heute machte ich mich früh an die Arbeit. Alle Gerätschaften wurden bereit gestellt und als die ersten Früh-Jogger vorbei huschten, kramte ich schon im Sandhaufen vor meinem Gate und sonderte Hunde- wie Katzendreck aus, entfernte die eingewachsenen Wolfsgraslianen und Wurzeln. Eine volle Schubkarre erntete ich so. Zement war auch bereit und die Steine nach und nach. Dann hatte ich Lust auf Frühstück.

Ich hatte gut getan, in der Morgenfrische mit der Arbeit, der Sonne ausgesetzt, zu beginnen. Es war schon recht warm, als der Mörtel gemischt war. Der Arbeitsbereich befand sich noch schön im Schatten. Zwei Meter lang war meine Baustelle. Ich rechnete aus, dass der Schatten so lange anhalten würde, wie ich brauchte die Steine in die richtige Lage zu verbauen.

Ich beeilte mich, wollte ich doch vor Eintreffen des Winds noch zum Strand, ein kühles Bad in der Salzwasserbadewanne, sprich Melkbaai, zu nehmen.

Die Schubkarre war leer, der Vorrat an bereitgelegten Steinen war aufgebraucht. Ich hatte gut kalkuliert. Schatten herrschte immer noch im Arbeitsbereich. Nun mussten nur noch die Gerätschaften gereinigt werden. Eineinhalb Stunden war ich nun eher als am Vortag.

Ich streckte mich, nachdem die Gerätschaften allesamt in Garage und Schopf verstaut waren. Da – der erste Windstoss. Eine kleine Böe nur, aber untrüglich ein Windstoss. Ich war zu spät. Zu spät um an der Strand zu fahren. Denn wen bei mir jetzt schon der Wind war, war er um so heftiger am Meer.

Ich musste mich mit einer Dusche zufrieden geben und legte mich etwas zur Ruhe, enttäuscht. Der Wind frischte auf und entwickelte sich bis zum Mittag in das alltägliche Sturmgebilde.

Den ganzen Januar über verhielt sich das nun so. War mal Windstille, dann war sicher der Himmel bedeckt und eine Kaltfront überquerte das Kap. - Also wieder mal kein Badewetter!

 

 

Der Anruf

 

Draussen stürmt der Wind um die Hausecken, der Kaminaufsatz am langen Rohr wirbelt von einer Himmelsrichtung zur andern. Da noch neu, quietscht er nicht. Laub von Bäumen und Sträuchern wird mitgetragen. Böen lassen die Bäume biegen und ein gespenstisches Licht, immer bewegt durch den Schatten der Bäume, fällt fahl durch die Glastür zum Garten.

Ich sitze gedankenversunken hinter einem Glas trockenen Rotwein, als das Telefon schrillt. Therese! Hahaha! – Mensch, die hat mir gerade noch gefehlt… Nicht dass sie unerträglich wäre, aber überaktiv, immer sich bewegend. Ein schon etwas älteres Kaliber, aber immer noch attraktiv. Mit vielen Ideen im Kopf, vielseitig interessiert. Ich würde solche Personen in der Eile als „Esotheriktanten“ betiteln. Manchmal kann man sich auch vergreifen, die Nuancen sind fein, der Übergang fliessend. Ein klein wenig verrückt sind wir ja alle, haben alle unsern Tic, aber ich behalte meinen gerne für mich…

Therese. Sie trällert am anderen Ende der Strippe. Hahaha! War in Brasilien, hat am Amazonas die Zerstörung der Wälder und den um 10 Meter gesunkenen Wasserspiegel gesehen. Amazonas, der Fluss ohne Mücken, Ph-Wert bei 3,0, das mögen die Viecher nicht. Hahaha! 

Nun, sie wohnt in der Nähe, an der Verlängerung meiner Strasse. „Sag mal, welche Nummer wohnst du denn, die Van der Merwe Road beginnt ja gleich bei uns?“ Trallallalla –der Fragereigen war eröffnet. „In der 43“. „Ach sieh mal an, wir auch! He, du leidest doch am Herzen, da musst du baden, weißt du, ich verkaufe da so ein Salz, das hilft, wegen dem Ph-Wert“, höre ich sie sagen. Aha, daher weht der Wind. Also vorsichtig! Und du musst immer darauf achten, dass dein Ph bei 7,3 bleibt, wenn er darunter fällt, dann hast du den nächsten Infarkt! Aber da frägt kein Doktor nach. Frag ihn mal!“ Brummmm. „Eh, ja, so was habe ich auch schon gehört, in einem Drogistenmagazin gelesen – oder so“. Das war ich wieder. „Sag mal, an welchem Datum bist du denn geboren?“ Ich reagiere spontan: „Am 18.10.“. „Ach! Ich am 13.! Dann bist du ja noch eine echte Waage“. Ich wiedersprach: „Zu entscheidungsfreudig, mal wieder etwas umstossend was beschlossen war, mal sehr spontan und direkt.“ „In welchem Jahr denn?“ Auch das beantwortete ich wahrheitsgetreu. „Ach ja, also doch eine Waage, mit welchem Aszendenten? – Weisst du, ich beschäftige mich auch mit Astrologie!?“. „Ähem, was ist das?“ „Ja wann denn, um welche Uhrzeit bist du denn geboren?“ „Keine Ahnung, so um Elfe’rum, glaube ich“.- „Nicht ungefähr! Genau! Das musst du doch wissen!“ „Nee, weiss ich nicht, hat mich bisher auch nicht interessiert“, brummte ich. „Das ist kein Problem, das weiss jedes Standesamt, da kannst du nachfragen:“ „Nein, das weiss es nicht, da ist nur der Tag registriert“, insistierte ich. „Doch, erst gerade kürzlich hatte ich mit einer Amtsstelle Kontakt und musste die mal darauf ansprechen, dass ich aus Südafrika anrufe und sie keine Kinkerlitzchen machen sollen, von wegen Persönlichkeitsschutz…“ Ich fiel ihr ins Wort: „ Ja, in Deutschland vielleicht, bei uns in der Schweiz sieht das etwas anders aus, da ist alles reorganisiert und unübersichtlich geworden und in meinen Papieren steht nichts von der Zeit. Kann ja die Mutter fragen“. Da schrie sie auf: „Nein! Nicht die Mutter, die Mütter vergessen das doch!“  Aber nicht meine… Nun, was sie wollte, war, dass ich in einer Wanne voll Salzwasser baden soll. Nach der Erklärung, dass ich seit über 30 Jahren nie mehr bade, nur dusche, meine Badewanne herausgerissen habe und eine Dusche einbauen liess, meinte sie ganz nach fraulicher Logik: „Das musst du ändern!“. Äh – wie bitte? Jetzt nicht mehr…

Nach der Ermahnung, ja nach dem richtigen Geburtszeitpunkt nachzufragen und ihr dies mitzuteilen, fand sie dann den Ausgang und wir konnten das Gespräch mit Gelächter und wohl gutgemeinten Ermahnungen abschliessen.

Ich denke nicht dran, mich manipulieren zu lassen, mir geht es zur Zeit recht gut…

November 2005

 

Brandstiftung

 

Ich hocke an der Bar, die ich regelmässig einmal wöchentlich aufsuche – sofern ich in der Gegend bin. Da sehe ich ihn gerade über den Vorplatz schlurfen, müde. So kenne ich den Typen gar nicht. Hatte stets nur an der Bar Kontakt mit ihm, er redet manchmal etwas viel. Aber er wirkte immer agiler, frischer. Jetzt trägt er seinen rechten Arm in der Schlinge, so richtig verpackt.

Mit einem „Hallo “ erwartete ich ihn. Er grinst zurück „Ah, bisch auch wieder mol do“. Unverkennbar ein Vorarlberger, jedoch schon seit vierzig Jahren in Südafrika. Wir unterhalten uns in unseren Mundartsprachen, wir verstehen das. Ich kann’s nicht lassen und setze den lapidaren Satz hinzu: „So, wie gohts, was hesch denn do gmacht mit dim Arm?“. „Hesch woll no nix ghört was gscheche isch!?“. Jo scho, aber nur vom ghöre Säge wirdsch au nit gscheiter“.

Er jammerte nicht. Begann sachlich zu erzählen, bestellte sich zwischendurch sein Märzenbier beim Keeper. Er sei abgefackelt worden. Es war in einer November-Nacht, als das Haus lichterloh brannte. Das Reetdach hätte 150 Quadratmeter Hausfläche überdeckt. Die angebaute Scheune mit seinen Vorräten sei intakt geblieben, dank einer zusätzlich eingezogenen Betondecke. Auch die Doppelgarage und der darüber liegende Raum seien nicht stark beschädigt. In diesem Raum sei ein altes Bett, ein uralter Schrank und eine Kommode gestanden. Darin hätte es noch Kleider gehabt, die zu alt zum tragen und zu schade fürs Wegwerfen seien. Das habe er noch, sonst nichts mehr.

Er ist Brenner. Er brennt Schnäpse, klare und bunte. Den hochprozentigen Alkohol lagerte er in Tanks aus rostfreiem Stahl. Alles in der Scheune untergebracht, beinahe alles konnte gerettet werden.

Keine persönlichen Dinge, keine gute Kleider, keine Möbel. Versichert? Ja das sei er schon gewesen, aber viel zu tief  - wer kann sich schon die horrenden Prämien leisten? Und dann noch hochprozentigen Alkohol unterm gleichen Dach…

Sein Arm. Er ist zu Löscharbeiten ins Zwischendach gestiegen, als ein Balken sich löste. Er sei dann umgerissen worden und ist die halbe Treppe herunter gefallen. Dabei sei der Arm ausgekugelt worden und das Achselgelenk gebrochen. Es war eine komplizierte Operation notwendig, drei Schrauben hätte er nun im Oberarm. Aber es wolle einfach nicht vorwärts gehen mit der Genesung. Der Arm ist immer noch unbrauchbar, schmerzt. Seine Augen sind nass.

Wir haben uns was zu essen bestellt. Er isst mit der linken Hand. „Das lehrt dich, auch wenn du Rechtshänder bist. Essen musst du trotzdem und mittlerweile habe ich schon genug geübt“, meint er, nachdem ich ihn gemustert habe.

Er wohnt nun in einem Cottage auf einem Farmgelände. Ich kenne es, der Besitzer ist mit gut bekannt, ich hole dort meinen Pferdemist für den Garten. Er wohnt alleine. Seine Frau hat ihn verlassen, aus Angst, dass sie ihren Standart nicht mehr halten kann… „Hab zu ihr gesagt, dass wir nur so viel uns leisten können, so weit das Geld reicht. Das Cottage hat ihr nicht gereicht, so habe ich halt gesagt, soll sie gehen wo der Pfeffer wächst. – Und die dumme Kuh geht!“. Sie ist seine zweite Frau, eine resolute „Südwestlerin“, hängt er noch an.

Jetzt hat er seinen Schnaps an verschiedene Orte verschoben und sicher eingelagert. Er sei schon unmittelbar nach Abzug der Firefighters bestohlen worden. Die Schwarzen seien hordenweise eingefallen, wie Aasgeier und hätten alle schon abgefüllten Flaschen aus der Garage entwendet.

Noch für zwei Jahre hat er Vorräte, die er nun nach und nach abzieht, filtert und in Flaschen abfüllt. „Jetzt habe ich für meine Verkaufstouren mehr Zeit“, meint er.  “Ich lass’ alles so, wie es ist, nur den Plot mit der Hausruine, den verscherble ich.“ Weiter meint er, dass er sich erst entschliessen wird, was weiter geschehen soll, wenn der Schnaps alle ist und er vor der Schwelle zum Neubrand oder zur Aufgabe steht. Dafür räumt er zwei Jahre ein. Seine Brennanlage ist natürlich auch zerstört. Arbeiten wolle er wohl immer etwas, hat aber eine Rente in Aussicht. Er hat sich einer privaten Rentenversicherung angeschlossen, in Südafrika kann man schon ab 55 Jahren in Rente gehen. Dieses Alter hat er hinter sich.

Das Haus ist durch Dritte angezündet worden. Die Polizei wühlt Im Dunkeln. Nun hat sich seine Frau zu Wort gemeldet und bezichtigt ihn der Brandstiftung. „Das hot mer grad noch gfehlt!“ donnert er.

Er ist ruhig geworden, im Vergleich zu früher. Ist ihm stark eingefahren, der Brand. Er hadert nicht, wegen seinem Arm, hofft einfach, dass es mal besser gehen wird, er keine Schmerzen mehr hat. Aber einfach so in sein Schicksal drängen lassen, tut er sich auch nicht. Hat einen Horizont von zwei Jahren angelegt, bis dahin wird er sich entscheiden, was er weiter will. Er ist wohl so was, das man „tapfer“ nennt. Im heutigen Sprachgebrauch ist er wohl ein „tough guy“.

Nach diesem langen Ausflug in ein Schicksal trennen wir uns freundschaftlich. Wir werden uns wieder sehen.

Januar 2006 

 

Carnival

 

Temperaturangaben sind Glücksache. Es gibt verschiedene Messpunkte in Kapstadt, oft gibt es Abweichungen. Da spielen natürlich Luftbewegungen und Schadstoffeinflüsse mit. Richtung Nord, an der Westküste steigen die Temperaturen an, auch gegen Osten, im geschützten Kessel hinter den Hottentotts Mountains. Das Boland ist ganz von Bergen umgeben, deshalb ist in Stellenbosch und Franschhoek mit noch höheren Temperaturen zu rechnen. Die Differenz kann fünf Grad betragen, gar mehr. Der Februar ist der heisseste Monat am Kap. Die Winde sind in der Regel stark eingedämmt, es weht ein leises Lüftchen. Anfangs Februar hat der Sommer richtig zugeschlagen, das Thermometer in meinem Patio kletterte gegen vierzig Grad. Durch die Abschirmung durch den Shade waren die Temperaturen aber niedriger, als die offiziell gemessenen. Einige Tage, nach strichweise aufgetretenen Gewitterschauern,  herrschten demnach Temperaturen von 42 Grad im Schatten. Jetzt sind die Temperaturen angenehmer, rund zehn Grad tiefer und anhaltend. Jetzt kommt der Garten richtig zum Zug, da stehen die Liegen im Schatten. Mit der Stille im Quartier und der nur durch Hundegebell unterbrochenen Ruhe, lässt sich bei gekühltem Tee und Eiswasser gut relaxen oder ein Buch verschlingen.

Trotz der hohen Temperaturen, oder gerade deswegen, habe ich meinen Gardener angewiesen, das abgedorrte Geäst und die braunen Farne in den Rabatten zu entfernen. Das tat er mit einer so akribischen Gründlichkeit, dass ich auch die Bewässerung instand stellen konnte. Damit das etwas ausgedehnte Tagwerk auch zeitig abgeschlossen werden konnte, hatte ich einen nicht geplanten Hitzeeinsatz. Aber ich hab’s überlebt.

Die Abende laden zum geniessen ein. Sonnenuntergänge in allen Schattierungen von Rot, Orange, Lila verwöhnen das Auge. In den Gärten werden die Braais angefacht, die Mahlzeiten geniesserisch eingenommen. Der immer fülliger werdende Mond hängt wie eine überdimensionierte Laterne am Himmel du taucht alles in fahles Licht.

Es ist Carnival-Zeit. Der Helderberg Community Carnival findet in der Hauptsache auf privatem Areal statt, gleich bei der Touristiformation. Weiter hinten im Gelände ist ein Rummel mit vielen Fahrgeschäften aufgebaut. Auf einem flachen Areal stehen Festzelte und eine Bühne. Von hier dröhnen Heavymetal-Gekreische über die Aue. Ein Fest hauptsächlich für die Junge Generation.

Die vergangenen Tage haben viel Aufregung in den Alltag gebracht. Durch die anhaltende Hitze treten spontane Buschfeuer auf, die dann mit Flugzeugen und Helikoptern bekämpft werden. Der Paarde Vlei, ein kleiner See an der Küste zwischen Somerset West und Strand, ist schon vollständig ausgetrocknet, da wurde oft von den Helis Wasser aufgenommen. Woher die Wasser-Bomber ihre Last jetzt bekommen ist mir nicht bekannt. Auch in den Squatercamps und Townships treten durch Unachtsamkeit immer wieder Brände auf, die dann für  einige Tage breite Bevölkerungsschichten zu Obdachlosen machen. Doch die Shacks sind schnell wieder aufgebaut. Langsam verknappt sich wieder das Trinkwasser. Durch den Ausfall eines Generators im AKW Koeberg ist die Stromversorgung knapp, obwohl das thermische Kraftwerk in Athlon wieder in Betrieb genommen wurde. Nicht gerade umweltgerecht, und trotzdem muss mit Stromunterbrüchen gerechnet werden.

In den Newspapers erwecken die schweren Verkehrsunfälle in den lokalen Meldungen grösste Aufmerksamkeit. Auf der R44 von Stellenbosch her ist ein mit Sand vollbeladener Lastwagen ungebremst den Hügel hinunter gerast und auf einen am Robot wartenden Bakkie aufgefahren. Die Ladung auf dem Bakkie bestand aus Gasflaschen, die explodierten. Dreihundert Meter weiter kamen die Fahrzeuge zum Stehen, da explodierte der Dieseltank des Lastwagens.  Für die Fahrer konnte nichts mehr getan werden.

Am Beach in der Melkbaai in Strand, wurden drei junge deutsche Touristen bestohlen. Sie liessen ihre Strandsäcke mit Kameras, Callphones und Autoschlüsseln unbeaufsichtigt, als sie schwimmen gingen.

In Rooi Els ist ein Familienvater tödlich verunglückt, als er mit seine Kindern in den Felsen spielte. Er ist abgerutscht und kopfüber in einer Unterwasserspalte eingeklemmt worden.

An der Kogel Bay hatte sich eine Familie zum braaien niedergelassen. Zwei ausgewachsene männlichen Baboons haben ein vierjähriges Kind dieser Familie angegriffen und ihm den Magen aufgerissen. Es war der erste Angriff von Baboons auf ein Kleinkind. Die Viecher werden immer dreister und treten oft in Gruppen zum Angriff an, was einer neuen Taktik entspricht, die sich langsam aber sicher auf die gesamte False Bay ausbreitet. Es sind nun immer mehr baboonsichere Abfallbehältnisse aufgestellt worden, damit die Viecher keinen Grund mehr erkennen sollten, sich immer wieder dort zur Futtersuche aufzuhalten. Mit der Vergrösserung der Baboon-Sippen vermehren sich auch die Leoparden. Diese sehr scheuen Tiere wurden vermehrt gesichtet.

Die starken Winde der vergangenen Wochen haben Schäden an diversen Gebäuden angerichtet. Insbesondere in Gordon’s Bay wurden, allerdings nicht sehr stabil gebaute, Carports weggefegt.

Infolge der Sturmwinde konnte an verschiedenen Baustellen von Hochhäusern in Strand nicht gearbeitet werden.

Die Hauspreise sind im Jahre 2005 um durchschnittlich 18 Prozent gestiegen. Ich bin nun zum Millionär avanciert und muss meine Gebäudeversicherung verdoppeln, um eine annähernd vollständige Deckung zu erhalten. Die Preise steigen nicht mehr so stark, wie die Jahre zuvor.

Die Beaches in Mnandi und Bikini Bay in Gordon’s Bay, sowie  Clifton 4th an der Westküste, haben die blaue Flagge erhalten. Dies wundert mich, denn in der Bikini Bay habe ich noch nie eine Aufsicht gesehen (die anderen beiden Beaches besuche ich nie), wohl jedoch im westlichen Abschnitt der Melkbaai, da zirkuliert gar zusätzlich ein Boot. Aufsicht ausserhalb der Highseason jedoch nur an Wochenenden.

Februar 2006